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Zwei Finger fahren über Brailleschrift auf einem Papierbogen.
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Erste Hörfilm-Produktion des Schweizer Fernsehens im April 2010

"Sonntagsvierer" - beschrieben vom Team Bamberg des Hörfilm e.V.: Haide Völz, Michael Ogrizek und Jockl Schulze.

[Aus dem Magazin "Live" des Schweizer Fernsehens, Ausgabe 2.10:]

Bilder fürs Ohr

Was, wenn man nicht sehen kann? Oder nur schlecht? Dann ist Fernsehen wie Radiohören. Es bedarf zusätzlicher sprachlicher Informationen, um einem Film folgen zu können. Hörfilme sind entsprechend aufbereitet. Im April produzierte SF erstmals einen selbst: den SF Schweizer Film "Sonntagsvierer".

Es ist was los in der Vertonung 2 am letzten Freitag im April. In der Regie läuft "Sonntagsvierer". Immer wenn im Film nicht gesprochen wird, hat Annette Wunsch nebenan in der Sprecherkabine ihren Einsatz: Aufnahme. Mit angenehmer, ruhiger Stimme liest sie vom Skript und schildert dabei, was gerade auf dem Monitor abläuft.

So eine Sprachaufnahme für eine Hörfilmfassung findet erstmals am Leutschenbach statt. "Orte, Personen, Gestik, Kameraführung - alles, was im Film zu sehen und für das Verständnis wichtig ist", erklärt Veronika Grob, die verantwortliche Redaktorin, "setzen wir sprachlich um." Diese akustischen Bildbeschreibungen können Blinde und Sehbehinderte bei der Ausstrahlung in den Dialogpausen hören, sofern der zweite Tonkanal ausgewählt ist.

Von den Pionieren lernen

Bei den Sprachaufnahmen stehen der Redaktorin der Abteilung Film und Serien die Pioniere des Hörfilms in Deutschland zur Seite: der blinde Elmar Dosch, Hörfilmbeauftragter des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes, und der nicht-blinde Bernd Benecke, Hörfilmredaktor beim Bayerischen Rundfunk (BR). Die beiden erstellten 1989 den ersten deutschen Hörfilm - nach der Methode der Audiodeskription, die in den 1970er Jahren in den USA entwickelt worden war. Seitdem haben sie bei rund 300 Hörfilmfassungen mitgearbeitet und wissen, worauf es ankommt. "Blinde müssen einem Hörfilm genauso folgen können wie Nicht-Sehbehinderte", sagt Dosch. Benecke ergänzt: "Wichtig ist, dass die akustischen Bildbeschreibungen keinen stören. Auch eine Person ohne Sehbehinderung, die in der Wohnung bügelt, soll den Film nachvollziehen können."

Bislang hat der BR alle Audiodeskriptionen für SF erstellt. Nun aber, eine steigende Anzahl von Produktionen vor Augen, werden die Kapazitäten in München knapp, und SF übernimmt die Sprachaufnahmen von fünf Hörfilmproduktionen pro Jahr.

Sehbehinderte Übersetzer

Die Manuskripte für die Audiodeskriptionen lässt Veronika Grob auch künftig in Deutschland erstellen - von speziell ausgebildeten Hörfilmbeschreibern, die es eben nur in der Vereinigung deutscher Filmbeschreiber gibt. Mit drei Personen sei ein festes Team optimal besetzt, meint Dosch und präzisiert: "Eine davon muss aber unbedingt blind oder hochgradig sehbehindert sein." Denn nur jemand mit einem solchen Handicap könne feststellen, welche sprachlichen Informationen zusätzlich nötig sind, um den Film zu verstehen. Die oberste Regel der Filmbeschreiber lautet: nur beschreiben, was im Bild zu sehen ist. Verkürzungen, Interpretationen und Ankündigungen sind tabu. "Schliesslich geht es darum, Sehbehinderte auf den Wissenstand der Sehenden zu bringen", erklärt Veronika Grob: "Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

Deshalb verwenden die Filmbeschreiber auch den Namen einer Person erst, nachdem er im Film erwähnt wurde. Bis dahin bleibt Dieter aus "Sonntagsvierer" eben "der Mann mit dem Halstuch". Um das Verständnis zu erleichtern, packen die Filmbeschreiber ihre Informationen in kurze, einfache Sätze, die möglichst viel Abwechslung bieten. Sie halten die Textbausteine knapp, wenn die Dialoge nicht viel Platz lassen. Je weniger aber in einer Szene gesprochen wird, desto ausführlicher müssen die Filmbeschreiber die Bilder "übersetzen".

Glace statt Eis

Zur Crew des BR gehört seit über sechs Jahren auch Annette Wunsch als Sprecherin. Die Schauspielerin, die unter anderem in den Serien "Polizeiruf", "Tatort" und "SOKO" zu sehen war, hat für nahezu 30 Hörfilme gearbeitet. 2008 stand erstmals eine Produktion für das Schweizer Fernsehen an. "Es war ein Glücksfall, dass sie mich im Team hatten - eine Schweizerin", erinnert sie sich. Denn sie sollte schon damals das Skript prüfen, auf schweizerischen Wortgebrauch sowie auf die hiesige Aussprache von Namen achten. So wird auch beim "Sonntagsvierer" spätestens bei der Sprachaufnahme das "Motorrad" zum "Töff", das "Eis" zum "Glace" und der "Geldautomat" zum "Bancomat". Als allerdings die Protagonisten im Film später selbst vom "Geldautomat" sprechen, macht ein Schmunzeln die Runde.

Die richtige Mischung

Veronika Grob ist froh, dass sie bei ihrer ersten Hörfilmproduktion auf die Erfahrung eines "eingespielten Teams" bauen kann. Die Sprachaufnahmen erfordern von allen hohe Konzentration. Alle Ohren hören aufmerksam zu, versuchen jeden Versprecher, jede Unklarheit zu entlarven, um sie noch rechtzeitig zu korrigieren. "Denn wenn die Sprecherin weg ist", sagt die Redaktorin, "müssen wir mit dem vorhandenen Material auskommen". Zum "wir" gehört vor allem auch Toningenieur Hans Gerber vom tpc. Er platziert zunächst die einzelnen Sprachelemente in die Dialogpausen. Und schliesslich sorgt er in der Mischung dafür, dass der jeweilige Originalton, zum Beispiel Hintergrundmusik, Strassenlärm oder sonstige Geräusche, ausreichend leise zu hören ist.

Pflicht und Kür

Laut Radio- und Fernsehgesetz und der entsprechenden Vereinbarung mit Sehbehindertenverbänden ist das Schweizer Fernsehen seit 2008 verpflichtet, Hörfilme auszustrahlen. Von Anbeginn übertraf SF die Vorgaben: 2008 liefen 16 Hörfilme, 2009 waren es 33 und dieses Jahr bislang 22. Ab 2010 sollen zwölf Schweizer und zwölf internationale Filme in Hörfilmfassung zu sehen sein.

"Mit der Auswahl der Werke ist es allerdings nicht ganz einfach", sagt Veronika Grob: "Unsere neuen Fernsehfilme sind oft so spät fertig, dass die Zeit nicht mehr reicht, eine Audiodeskription herzustellen." Auch im deutschsprachigen Hörfilm-Pool wird sie kaum fündig. Schweizer Filme sind dort eine Rarität, aktuelle Blockbuster ebenso. Zudem haben bei SF Filme in Originalsprache Priorität. "Bei Filmen, die wir in Originalversion ausstrahlen können, müssen wir auf die Hörfilmfassung verzichten", erklärt die Redaktorin. So wird das Schweizer Fernsehen auch künftig viele Hörfilme selbst produzieren (lassen): Hollywoodproduktionen wie "Brokeback Mountain", Schweizer Klassiker wie "Uli der Knecht" oder SF Schweizer Filme wie "Sonntagsvierer".

Jeanette Geiger

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