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Wenn Texte Bilder ersetzen
Leipziger Studierende lernen, Filme für Blinde zu beschreiben

Rund 650.000 Deutsche können Talkshows relativ leicht folgen, Dokumentationen manchmal recht gut, Spielfilmen ganz und gar nicht. Denn sie sind sehbehindert oder blind - und wollen dennoch teilhaben am Medium Fernsehen. Sie wollen mitreden können. Glücklich können sie sich schätzen, wenn einer von rund 800 deutschen Hörfilmen ausgestrahlt wird. Das sind Filme, die auf der zweiten Tonspur spezielle Erklärungen für Blinde enthalten. Solche Audiodeskriptionen zu formulieren, versuchten gestern 14 Leipziger Germanistik-Studierende in einem Workshop.

Auf der Leipziger Buchmesse im März trafen sie sich zum ersten Mal: Anke Nicolai, von Beruf Hörfilmautorin, und Ulla Fix, Germanistik-Professorin und Hörfilm-Forscherin. Sie fackelten nicht lange und vereinbarten eine Zusammenarbeit. Die Leipziger Wissenschaftlerin hatte früh erkannt: Filme so zu beschreiben, dass auch Blinde und Sehbehinderte dem Geschehen folgen können, erfordert eine große Sprachfertigkeit. Und sprachwissenschaftliches Hintergrundwissen. Eine ideale Denk-Übung für die Studierenden, meint Ulla Fix:

"Wenn man da zum Beispiel sagt: Ein schnauzbärtiger Mann oder eine junge, agile Frau betreten den Raum. Welche Vorstellungen hat eigentlich die Sprachgemeinschaft von "jung" bezogen auf eine Frau? Wie sieht die aus? Von "agil" bezogen auf Frau. Wie handelt sie? Wie bewegt sie sich? Oder was will ich damit sagen? Das heißt: Eigenschaften, das Aussehen von Personen, die Lage von Orten, die Beschaffenheit von Gebäuden, alles das haben wir prototypisch im Gedächtnis gespeichert. Es ist eine Frage der Kognitionslinguistik. Man sieht auf diese Weise plötzlich: Mann muss es nicht nur lernen, sondern man kann es auch anwenden."

Gestern hatten 14 Studierende dazu erstmals Gelegenheit. Die Filmbeschreiberin Nicolai leitete einen ganztägigen Workshop. In drei Arbeitsgruppen versuchten die Teilnehmer, die Anfangsszenen des Spielfilms "Hunger auf Leben" zu beschreiben. Zwei Gruppen wurden sogar von blinden Kommilitonen unterstützt. Die Ergebnisse konnten sich hören lassen. Ein Beispiel:

In einem roten Kleid läuft sie die Treppe herunter. Sie begegnet einem braunhaarigen Mann.
Komm her.
Sie umarmen sich.
Ich drück dir die Daumen. -Danke.
Sie küssen sich auf den Mund. Er geht.
Du hättest deinen Bruder heiraten sollen.
Der Grauhaarige will ihm folgen.
Günter, ich komm doch wieder. - Ja? - Ja, aber sicher.
Sie küssen und umarmen sich im Hausflur.

28 Sekunden Film mit Audiodeskription, wie die Beschreibung für Blinde im Fachjargon heißt. Zwei Stunden brauchten die Studierenden dafür. Immer wieder spulten sie das Videoband vor und zurück, blickten auf Standbilder und stritten über Haarfarben und andere Eigenschaften der Personen. Der Endfassung gingen einige Diskussionen voraus.

Und jetzt guckt der graumelierte Mann bösartig. - Wo kommt der denn auf einmal her? - Der hat schon den Kaffee gebracht. - Aber der war doch vorher mal weggegangen. - Ja, ja. Der steht hinter dem dunkelhaarigen Mann und zieht sich die Jacke an, während sich die anderen beiden umarmen. - Was davon ist jetzt wichtig?

Eine Frage, die häufig auftauchte. Sicher zur Freude der Initiatorin des Workshops. Denn die Studierenden sollen bewusst mit der Sprache umgehen, sagt Ulla Fix. Und nebenbei erfahren, dass die Filmbeschreibung ein interessantes Forschungsgebiet darstellt. Wie wird Sprache in Bilder übersetzt? Welchen Anteil hat der eingesprochene Filmtext an der Erzählung eines Films? Auf der Suche nach Antworten könnten die Studierenden viel lernen, meint die Professorin. Und später vielleicht sogar als Filmbeschreiber arbeiten. Doch Anke Nicolai wehrt ab:

"Es gibt im Moment keinen Bedarf an neuen Autoren, der Markt ist gedeckt. Das kann sich natürlich jederzeit ändern, wenn die Sender sagen, sie steigen mit mehr Budget ein. Das sieht nur leider gerade nicht so aus."

Die 29-Jährige kennt sich gut aus im Metier. Sie steht dem Verein Hörfilm vor, der vom TV-Sender arte und dem Bayerischen Rundfunk unterstützt wird. Darin hat sich die Hälfte der rund 40 deutschen Filmbeschreiber organisiert. Mit guten Berufsperspektiven konnte Anke Nicolai also nicht aufwarten. Ihr Workshop stieß bei den Studierenden dennoch auf große Begeisterung. Die Filmbeschreiberin erhofft sich von der Zusammenarbeit mit der Leipziger Germanistik auch selbst etwas:

"Ich habe immer wieder das Gefühl, ich arbeite sehr intuitiv. Aus dem Bauch heraus gehe ich mit Sprache um, aber ich kann es eigentlich nicht wissenschaftlich fundieren. Und da würde ich auch sehr gern von den Sprachwissenschaftlern etwas lernen wollen. Also meine Idee wäre, jetzt nach diesem Workshop darüber nachzudenken, wie man unsere beiden Bereiche vielleicht noch so zusammenführen kann, dass wir voneinander profitieren können."

Neue gemeinsame Workshops und Forschungsprojekte hat sie im Auge. Und die schnelle Hilfe in kniffligen Sprachfragen. Ulla Fix hat ihr bereits ein Angebot gemacht: ein Beratungstelefon könnte installiert werden. Aus Leipzig gäbe es dann erste Hilfe für Hörfilmautoren auf der Suche nach dem richtigen Wort zur richtigen Szene.

Deutschlandfunk: 18.11.2005 • 14:35 Uhr
von Carsten Heckmann

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