Start   Kontakt   Links   Gesamtübersicht   Presse   Impressum   Suche   Login




Eine Hand wird an ein Ohr gelegt.
» Start » Presse » Pressearchiv » Pressemeldungen 2003 - 2005 » Blinde erleben eine "Woche des Sehens"

Blinde erleben eine "Woche des Sehens"

Augen zu, Film ab: Zum Auftakt der landesweiten "Woche des Sehens" verfolgten Blinde und Sehende in Husum eine spannende Hörfilm - Fassung des deutschen Kino - Dramas "Der Untergang". Auch technische Neuheiten wurden dort präsentiert.
"Und? Habt Ihr was Neues für mich? Etwas, was ich noch nicht habe?", fragt eine junge Frau aufgeräumt, während sie mit den Händen über die Auslagen auf dem Tisch fährt. "Ich glaube nicht", sagt Elka Andresen, Vorsitzende der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig - Holstein, der in der Kurzform auf den nahezu unaussprechlichen Namen BSVSH hört. "Höchstens diese Waage hier . . ." . Die Frau probiert sie aus, drückt sich mit dem Gewicht ihres Oberkörpers darauf. "Sie wiegen 16,5 Kilogramm", stellt die Waage mit synthetischer Stimme fest. Die Besucherin lächelt: "So etwas habe ich auch zu Hause, aber die hier ist wesentlich freundlicher als meine." Vor den Nachbarständen von Optiker Sievers und Egon Petersen, einem Fernsehtechniker, der sich auf die Belange von Sehbehinderten und Blinden spezialisiert hat, fachsimpeln Hela Michaelski und Mitarbeiter eines NDR - Fernsehteams über Grenzen und Möglichkeiten des Hörfilms. Im weiteren Verlauf des Nachmittags werden die etwa 20 Besucher noch erleben können, was es damit auf sich hat. Michaelski, Hörfilm - Beauftragte des Landes Schleswig - Holstein, und die Bezirksgruppe sind hier im Kino - Center versammelt, um ihren Beitrag zur diesjährigen "Woche des Sehens" zu leisten. Im ganzen Land laufen dazu noch bis zum 15. Oktober Veranstaltungen. Schon einmal habe es hier einen Hörfilm - Tag gegeben, sagt Bürgervorsteherin Birgitt Encke zur Begrüßung. Und schon damals habe sich gezeigt, wie es funktioniert, wenn Blinde und Sehbehinderte zu hören bekommen, was sie nicht sehen können. Bedarf ist da: 155 000 Personen in Deutschland sind blind, gut eine halbe Million gelten als sehbehindert - die höchste Repräsentantin der Stadt, die die Arbeit mit behinderten Menschen aus eigener beruflicher Erfahrung kennt, wählt ihre Worte sehr genau. Durch den Hörfilm werde Kino für Blinde und Sehende zum neuen Erlebnis. Beide träfen sich an einem Ort, an dem sie früher nie zusammengekommen wären. Sie sprächen miteinander: "Der Filmdialog geht nahtlos über in den Dialog über den Film." So lernten Sehende im Kino Blindheit verstehen. Die Veranstalter wussten schon, warum sie sich dafür ein besonders schweres Beispiel ausgesucht hatten - die Hörfilm - Fassung von Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang". Und am Ende der Vorführung, bei der Sehende auf Wunsch eine Schlafbrille aufsetzen konnten, um sich ganz auf das Hören zu konzentrieren, verstanden es auch die Besucher. "In Hirschbiegels Film treten auf engstem Raum sehr viele Menschen auf, von denen einige - wie zum Beispiel Bohrmann - kaum den Mund aufmachen", erläutert Michalski, die den "Untergang" gemeinsam mit ihren sehenden Kollegen Haide Völz und Olaf Koop hörbar gemacht hat. Dadurch erfahre der sehende Zuschauer, so er nicht tief in der Materie drin stecke, erst sehr spät, um wen es sich handelt. Anders die Hörfilm - Zuhörer. Sie werden gleich zu Beginn über die agierenden Personen aufgeklärt. Und wer mit beidem - Augen und Ohren - dabei ist, hört und sieht noch besser. Zehn Tage hätten sie für das Manuskript gebraucht, in Archiven gestöbert und sich mit den historischen Örtlichkeiten vertraut gemacht. Dann sei es an den Feinschliff gegangen, sagt Koop. "Einer sitzt immer am Video - Rekorder und der andere am Computer, und beide erklären Hela Michalski, was sie nicht sehen kann. In die Dialogpausen würden dann die Hörfilm - Beschreibungen eingewoben. Ein aufwändiges, aber lohnenswertes Verfahren, in dessen Gefolge mittlerweile 100 Hörfilme entstanden sind. Für Hela Michalski reicht das allerdings noch lange nicht. Sie wünschte sich, dass Hörversionen auch auf andere Felder ausgedehnt würden - zum Beispiel auf das Theater. "Das es geht, haben wir bereits bewiesen." Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber: "Wir arbeiten dran." Und vielleicht ist ja beim dritten Hörfilm - Tag in Husum schon alles anders. Hörfilm-Tag Das NDR-Fernsehen zeigt am Donnerstag, 13. Oktober, 18 Uhr, in der Sendung »Unser Land« am Beispiel des zweiten Hörfilm-Tages in Husum einen Beitrag über die »Woche des Sehens«. Darin wird es auch ein Interview mit Annegret Walter, der Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Schleswig-Holstein e. V., geben. Der nächste Hörfilm hat übrigens am Sonntag, 30. Oktober, Premiere. Es handelt sich um den spannenden Grusel-Klassiker »Rosemarie's Baby«.

Husumer Nachrichten, 12. Oktober 2005

 :.. zum Anfang      :.. zurück  
1 2 3
4 5 6
7 8 9
  0 Hilfe zur Tastatursteuerung(?)
 
A 
A