Start   Kontakt   Links   Gesamtübersicht   Presse   Impressum   Suche   Login




Eine Hand wird an ein Ohr gelegt.
» Start » Presse » Pressearchiv » Pressemeldungen 2003 - 2005 » Futter für die Bilder im Kopf Die Kammerspiele bieten am Sonntag erstmals Hörtheater für Sehbehinderte

Futter für die Bilder im Kopf
Die Kammerspiele bieten am Sonntag erstmals Hörtheater für Sehbehinderte

Sara ist »eine dunkelhaarige Frau« in einem »großen weißen Männerhemd«. Manch einer liest auf dem Besetzungszettel den Namen Caroline Ebner und sieht sie schon vor sich: ein zartes Persönchen mit Koboldaugen und dem Talent, sich und die Zuschauer ins Gefühlschaos zu stürzen. Bei anderen Menschen nimmt diese »dunkelhaarige Frau« vor dem inneren Auge die unterschiedlichsten Gesichter an. Und um die heraufbeschwören zu können, brauchen sie eine möglichst exakte Beschreibung als akustische Brille. Denn diese anderen sind blind.

Am kommenden Sonntag werden gewöhnliche Theatergänger, die um 20 Uhr die letzte Aufführung von Stephan Rottkamps Lessing-Inszenierung »Miss Sara Sampson« sehen wollen, die Münchner Kammerspiele recht verändert finden: Dunkle Brillen und Armbinden, Menschen mit Stöcken in der Hand und großen Hunden an ihrer Seite. »Für die Blindenhunde haben die Kammerspiele extra die Logen reserviert«, erzählen Franzis Cramer und Marion Hollerung lachend. Sie sind über die Kooperationsbereitschaft von Frank Baumbauer und seinem Team voll des Lobes. »Sogar der Spielplan wurde für uns verschoben«, sagt Cramer.

Mit Marion Hollerung, Monika Buhtz und Petra Kirchmann gehört sie zu den Initiatoren des Münchner Hörtheater-Projekts, das in Deutschland fast ohne Beispiel ist. Während in England zirka 40 Bühnen regelmäßig akustische Begleittexte für Sehbehinderte anbieten und die Theaterbeschreiber ihre Arbeit ehrenamtlich verrichten, gab es hierzulande genau einmal »Onkel Wanja« an der Berliner Schaubühne (1999) und vergangenen Oktober Kleists »Käthchen von Heilbronn« in Kiel.

Auch für Cramer, Hollerung und Kollegen ist es das erste Mal. Sie sind eigentlich Filmbeschreiber im Münchner Verein »Hörfilm e. V.« Vorwiegend für Arte und das Bayerische Fernsehen suchen sie die rechten Worte für die Gesten und Aktionen, die blinden TV-Konsumenten sonst entgehen würden. Zuletzt hat ihr Team die optischen Informationen von Grisham/Pollacks »Die Firma« versprachlicht, davor unter anderem »Das Leben ist schön«, »Die Feuerzangenbowle« und »Manche mögen"s heiß«. Bis zu acht Filme sind es im Jahr pro Team, schätzt Marion Hollerung, »alles querbeet, vor allem Anspruchsvolles oder Bekanntes.«

Für einen Neunzigminüter brauchen drei Leute sechs Arbeitstage. Der Tagessatz für einen Beschreiber liegt bei 170 Euro. Macht inklusive Technik und Redaktion etwa 67 000 Euro pro Film. Beim Theater sieht es ganz ähnlich aus. Drum steckt viel Arbeit in dem, was am Sonntag wahrscheinlich ganz locker aussehen wird. Denn für das Geld mussten sich erst Sponsoren finden. Und die Blinden mussten mobilisiert werden - vorwiegend über Kassettenzeitungen und über das Internet. Sollte der erste Theaterabend ein Erfolg werden, so hoffen die beiden, dass sich für Werbung und Informationsverbreitung künftig ehrenamtliche Mitstreiter finden lassen. Denn weitere Projekte sind schon in Planung: eine Zusammenarbeit mit dem Teamtheater, vielleicht mal ein moderneres Stück, eine Oper oder ein Musical - oder warum auch nicht die Fußball-WM im kommenden Jahr?

Das Abenteuer Theaterbesuch

Doch zuvor muss das Abenteuer »bürgerliches Trauerspiel« bestanden werden. Denn bis die Sehbehinderten mit einem Infrarot-Kopfhörer im Ohr auf ihren Plätzen sitzen, müssen sie erst ins Theater rein: Viele Blinde, die meisten von ihnen altersblind, haben Schwierigkeiten, sich alleine zu orientieren. Vor allem im Winter: »Nicht nur wegen der Glätte, sondern weil alles anders klingt, wenn sie sich mit dem Stock ihren Weg suchen«, sagt Marion Hollerung. Dennoch haben sich eine knappe Woche vor der Aufführung 15 Leute beim kostenlosen Begleitservice angemeldet. Bei den Kammerspielen wurden an die 100 Kopfhörer vorbestellt - bei mehr als 8000 ordentlichen Mitgliedern des Bayerischen Blindenbundes. Für die Mütter des Hörtheater-Projekts ist das keine enttäuschende Zahl: »In Kiel waren es 90. Das war unser Richtwert.«

Doch sind die Zuschauer schließlich im Saal, ist das Abenteuer noch nicht überstanden: Während Sara alias Caroline Ebner zwischen der Liebe zu Mellefont alias Robert Dölle und der Liebe zu ihrem Vater alias Hans Kremer aufgerieben wird, sitzt die Sprecherin Petra Kirchmann in einem anderen Raum vor einem Video und versucht, mit neutraler Stimme den vorbereiteten Text zwischen die Dialoge zu quetschen - ohne dass es wie Quetschen klingt. Leicht wird das nicht: »Beim Film bekommen wir ein Videoband mit Timecode«, sagt Cramer. Bei »Miss Sara Sampson« musste das Team mit einer Aufzeichnung arbeiten, die kurz nach der Premiere im Mai 2003 entstanden ist. Und seither, wissen Cramer und Hollerung nach mehrmaligem Sehen der aktuellen Bühnenversion, hat sich einiges geändert.

Drei Leute - zwei Sehende und ein Blinder - bilden in der Regel ein Beschreiberteam. Franzis Cramer ist die Blinde. Sie bestimmt, sagt, was sie wissen will und auch, was selbstverständlich ist: »Wir haben ja nicht beliebig viel Zeit. Da sind die Dialoge. Und wenn eine wichtige Musik kommt, muss man die auch mal stehen lassen. Darum müssen wir streng auswählen und exakt sein. Bei der Personenbeschreibung heißt das: Haare, Augen, Figur und Schluss. Keine Interpretationen!«

So Cramer, die eigentlich als Seelsorgerin bei der Diözese angestellt ist und nun die Elternzeit nutzt, um sich »im Textbereich weiter zu entwickeln«. Marion Hollerung ist Lektorin und Autorin. Und hat schon als Kind ihrem blinden Großvater Dinge beschrieben, die für ihn unsichtbar waren. Heute findet sie es toll, »wenn sich Blinde und Nicht-Blinde gemeinsam einen Film oder ein Theaterstück anschauen können und hinterher den gleichen Informationsstand haben.«

So erübrigt sich auch die Frage, was denn das Hörtheater vom oftmals auch so genannten Hörspiel unterscheidet. Es ist das Dabeisein und das Hinterher-Mitreden können. Aber kann, wer blind ist, sich zum Beispiel die Farbe Blau vorstellen oder wie Glück aussieht auf einem jungen Gesicht? »Was mich bei der Theaterbeschreibung so fesselt«, sagt Franzis Cramer, »das sind die Kostüme, die Farben, die Gestik. Das bedeutet ja alles so viel.« Wie sie selbst sind die meisten Blinden nicht von Geburt an blind und haben eine Erinnerung an die Welt der Bilder im Kopf. Die bekommt nun Futter (Weitere Infos unter www.hoertheater.info oder www.muenchner-kammerspiele.de).

SABINE LEUCHT
Süddeutsche Zeitung, Samstag, den 12. Februar 2005

 :.. zum Anfang      :.. zurück  
1 2 3
4 5 6
7 8 9
  0 Hilfe zur Tastatursteuerung(?)
 
A 
A