Start   Kontakt   Links   Gesamtübersicht   Presse   Impressum   Suche   Login




Eine Hand wird an ein Ohr gelegt.
» Start » Presse » Pressearchiv » Pressemeldungen 2003 - 2005 » Hören und Sehen Blinde Leidenschaft für den Film

Hören und Sehen
Blinde Leidenschaft für den Film

Ich sehe was, was du nicht siehst... Und ich beschreibe es dir. So funktioniert ein Hörfilm. Denn auch blinde und sehbehinderte Menschen lieben Filme

Als Bernd Benecke das erste Mal von der Filmleidenschaft seines Kollegen Elmar Dosch erfuhr, reagierte er so wie viele: »DU gehst ins Kino? Aber ... du siehst doch gar nichts!« Ende der 80-er Jahre war das. Dosch und Benecke arbeiteten im Textservicezentrum des »Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds« (BBSB) in München, wo Texte jeder Art in Blinden- und Großschrift übertragen oder auf Kassette gesprochen werden. Benecke war Zivildienstleistender und konnte sehen. Dosch war blind. Und der Hörfilm - die Bearbeitung von Fernseh- und Kinofilmen, damit diese auch für blinde Menschen erlebbar werden - war noch nicht erfunden. Zumindest nicht für Elmar Dosch und die anderen 155.000 Blinden und 500.000 Sehbehinderten in Deutschland.
Elmar Dosch, von Geburt an wegen eines Glaukoms (Grüner Star) sehbehindert und vom 20. Lebensjahr an erblindet, und Bernd Benecke lesen 1989 einen Artikel in der »Süddeutschen Zeitung« über das Filmfestival in Cannes. Es geht um die beiden Erfinder des Hörfilms, die Amerikaner Gregory Frazier und August Coppolla, die in Cannes eine Hörfilmfassung von »Indiana Jones« präsentiert haben. Frazier hatte die Idee der Filmbeschreibung für Blinde nicht mehr losgelassen, seitdem er Mitte der 70er-Jahre erlebt hatte, wie eine Frau einen Film für ihren blinden Mann synchron gedolmetscht hatte.
Warum soll das, was Frazier und Coppolla in Cannes vorgeführt haben, nicht auch auf Deutsch funktionieren, fragen sich Dosch und Benecke, die sich mit Freunden sogleich an die Arbeit machen: die Beschreibung von »Die Glücksjäger«, eine Krimikomödie um einen Blinden und einen Gehörlosen, die in einen Mordfall hineingezogen werden. Das Ergebnis, das sie 1989 im Münchner Filmmuseum vorstellen, ist alles andere als perfekt: Der Hörfilmton - der visuelle Eindrücke in möglichst knappen, präzisen Worten schildern soll - kommt von einer separaten Tonkassette, die nicht immer synchron zum Film läuft. Auch die Beschreibung des Films bereitet große Probleme. Für die zehn Anfangsminuten des Films benötigt die »Münchner Filmbeschreibergruppe« um Dosch und Benecke fast zehn Stunden: »Wir hatten überhaupt keine Vorlage für unsere Arbeit. In den ersten zehn Minuten gibt es viele Gegenschnitte und eine verwirrend große Anzahl von Leuten, die viel machen, aber nur wenig reden. Außerdem mussten wir ganz grundsätzliche Dinge klären. Zum Beispiel, wie man als Filmbeschreiber mit Gesten umgeht. Einem von Geburt an blinden Zuschauer muss eine Geste ja doppelt erklärt werden: die Bewegung der Hände, aber auch, was eine Geste bedeutet. »Heute würde die Beschreibung von »Die Glücksjäger« »glatt durchfallen«, sagt Bernd Benecke. Aber das zählt nicht. Was zählt ist, dass mit diesem Film der Hörfilm auch in Deutschland Einzug hielt.
Die folgenden Jahre geht es zäh, aber stetig aufwärts. Bis 1993 entstehen Bearbeitungen von »Kuck mal, wer da spricht«, »Angst vor der Dunkelheit« und »Tootsie«, die in Kinos, auf Filmfesten oder als Video zu sehen sind.
Im deutschen Fernsehen läuft ein Film mit »Audiodeskription« (akustischer Beschreibung) zum ersten Mal am 11. Oktober 1993: Michael Verhoevens »Eine unheilige Liebe«. Der Film wird im ZDF in Zweikanaltechnik ausgestrahlt, Sprecher dieser ersten Audiodeskription im deutschen Fernsehen ist Bernd Benecke. Zuvor hatte Benecke die Beschreibung zu »Eine unheilige Liebe« auf dem Münchner Filmfest gesprochen - live. Der Regisseur war so begeistert, dass er sich für die Ausstrahlung seines Films als Hörfilm im deutschen Fernsehen einsetzte. »Ich wusste damals gar nicht, dass es so etwas gibt. Aber es hat mir sofort eingeleuchtet«, erinnert sich Verhoeven, dem es »eigentlich selbstverständlich« scheint, »dass wir Menschen, die benachteiligt sind, diesen Service bieten.«
Das Beispiel von Michael Verhoeven, für den eine Hörfilmbearbeitung »ruhig auch mal einen Filmpreis wert wäre«, hat kaum Schule gemacht. Dass auch blinde Menschen zum Publikum gehörten, sei nur wenigen Regisseuren und Produzenten bewusst, beklagen Dosch und Benecke, die immer noch daraufwarten, dass irgendjemand den Hörfilm auch einmal als experimentelle oder künstlerische Herausforderung begreift: »Warum sollte es nicht möglich sein, einen Film zu drehen, der schon von vornherein auch als Hörfilm funktioniert?«
Heute arbeiten die beiden Pioniere der Audiodeskription immer noch eng zusammen. Der 43-jährige Dosch als Hörfilmbeauftragter des BBSB, der 41-jährige Benecke als Hörfilmredakteur beim Bayerischen Rundfunk. In der täglichen Arbeit haben die beiden nur noch wenig mit dem Erstellen von Manuskripten und dem Einsprechen der Beschreibungen zu tun. Das erledigen zwölf freie Hörfilmbeschreiber, die in Dreier-Teams zusammenarbeiten. Dosch und Benecke nehmen die Manuskripte und Hörfilmfassungen ab und kümmern sich um die Filmauswahl, was angesichts begrenzter Mittel nicht leicht ist. Mittlerweile entstehen beim Bayerischen Rundfunk (BR) jedes Jahr unter der Leitung von Dosch und Benecke zwölf bis 14 neue Hörfilmbearbeitungen, was im Vergleich zu anderen Sendern und gemessen an den Anfängen viel, im Vergleich zum gesamten Fernseh- und Filmprogramm jedoch sehr wenig ist. Allein ARTE und der MDR kommen auf die gleiche Zahl von Hörfilmneubearbeitungen wie der BR.
Bislang wurden in der ARD rund 300 Filme mit Audiodeskription versehen, 90 davon unter der Regie des BR. Zu sehen waren davon im vergangenen Jahr auf den Kanälen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens 270 Hörfilmausstrahlungen - eine Zahl, die jede Wiederholung und jeden »Tatort« ebenso einschließt wie einen zweistündigen Spielfilm. Das Bayrische Fernsehen zeigte 2003 insgesamt 57 Hörfilme mit einer Gesamtdauer von 108 Stunden. »Eigentlich ein Witz«, meint Benecke, der zugleich betont, dass der Hörfilm in seinem Sender deutlich weniger stiefmütterlich behandelt wird als in anderen. Immerhin war der BR der erste Sender überhaupt, der 1997 die Stelle eines Hörfilmredakteurs einrichtete. Und das Privatfernsehen? Fehlanzeige. Dort war 2003 kein einziger Hörfilm zu sehen. Sender wie Pro7 oder SAT1 tun sich beim Hörfilm allenfalls als Sponsoren von DVD-Produktionen hervor.
Dosch und Benecke müssen also sorgfältig auswählen, welche Filme bearbeitet werden sollen. Für eine Audiodeskription, die zwischen 6.000 und 8.000 Euro kostet, müssen Anspruch und Qualität stimmen: »Ein Film muss sich lohnen, 08-15-Sachen kommen nicht in Frage", sagt Dosch. Möglichst alle Genres sollen abgedeckt werden, damit für jeden etwas dabei ist. Neben »Bibi Blocksberg« und dem Drei-Stunden-Klassiker »Dr. Schiwago« zählt Dosch »Pulp Fiction« und »Ein Fisch namens Wanda« zu den besonders gelungenen, weil wegen ihrer Situationskomik schwierigen Bearbeitungen der letzten Jahre. Ein Film, bei dem sie aufgegeben hätten oder die Hörfilmbearbeitung gescheitert wäre, ist ihnen noch nicht untergekommen. Als besonders forderndes Projekt hat Elmar Dosch »Ginger und Fred« von Federico Fellini in Erinnerung: »Ein Film, den ich vor der Hörfilmfassung als reinstes Tohuwabohu erlebt habe. So viele Nebenfiguren, so viel Gequatsche, das reinste Skurrilitätenkabinett! Aber wenn die Filmbeschreibung einem erklärt, was passiert, wenn sie Ordnung in das Geschehen bringt und sich dabei auf das Wesentliche konzentriert, funktioniert auch »Ginger und Fred« als Hörfilm.« Dosch und Benecke finden es daher falsch, »schwierige Filme von vornherein für nicht machbar zu halten.«
Noch immer müssen Dosch und Benecke werben und Verständnis wecken - mit den gleichen Argumenten wie schon Ende der 80er-Jahre: dass blinde und sehbehinderte Menschen auch bei Film und Fernsehen, den Leitmedien der Gesellschaft, mitreden möchten. Dass es schön ist, wenn sie sich ohne fremde Hilfe die gleichen Filme anschauen können wie ihre nicht blinden Verwandten, Freunde oder Kollegen. Dass eine Filmbeschreibung von Profis einen Film viel besser zum Leben erweckt, als wenn der Bruder oder die Kollegin sich ohne Vorbereitung als Filmbeschreiber versuchen. Dass Audiodeskription auch im Kino oder im Theater einsetzbar wäre. Und dass es einfach falsch ist zu glauben, Filme seien nichts für blinde Menschen.
Viele Menschen, die zum Teil noch nie vom Hörfilm gehört haben, können dies oft erst nachvollziehen, wenn ihnen Dosch das Funktionieren und die Bedeutung der Audiodeskription erklärt. Journalisten hat Dosch einmal einen Ausschnitt aus »Der Club der toten Dichter« vorgespielt. Mit geschlossenen oder verbundenen Augen sollten sie sich in die Lage eines blinden Zuschauers versetzen. Und dabei nachfühlen, wie schwierig und nervtötend es sein kann, sich einen Reim auf eine Szene zu machen, in der von Schülern, die nachts durch einen Wald hetzen, nur raschelndes Laub und knackende Äste zu hören sind.
Auch Benecke hat immer wieder mit mangelndem Verständnis zu kämpfen. Wenn Hörfilm nicht im Zweikanalton, sondern per Satellit ausgestrahlt wird, ist erst einmal die Fassung mit Audiodeskription zu hören. Die kann man zwar abschalten, doch viele Zuschauer wissen nicht, wie das geht. Manche beschweren sich dann, was dieser »Hörfilm-Mist« überhaupt soll.
In die Münchner Kinos zieht es Elmar Dosch immer noch. Zuletzt hat ihn »Vergiss mein nicht!« mit Jim Carrey und Kate Winslet begeistert - ein Film über ein Liebespaar, das sich nach der Trennung einer Gehirnwäsche unterzieht, um die Erinnerung an glücklichere Tage zu löschen. Ein Film mit komplizierten Zeitebenen, den Doschs Begleiterin - eine Filmbeschreiberin - knapp kommentiert hat: »Ach, du lieber Himmel! Wenn wir den mal als Hörfilm machen ...«
Damit er neuen Filmen auch ohne Audiodeskription folgen kann, bereitet sich der blinde Filmfreak gut vor, wenn er ins Kino geht: Dosch macht sich mit den Schauspielern vertraut, damit er ihre Stimmen schnell auseinander halten kann. Die Beschreibung übernimmt meistens ein Bekannter, live und im Flüsterton. »Kein Profi, aber er macht das sehr gut", sagt Dosch, der als Lieblingsschauspielerin Julia Roberts nennt. Und sich dabei nicht ganz sicher ist, ob er nicht Daniela Hoffmann meint, deren deutsche Synchronsprecherin: »Eigentlich mache ich ja an ihrer Stimme fest, dass ich Julia Roberts nett finde.«

Menschen:
Hörfilmbeauftragter Elmar Dosch (43)
Ein Artikel in der »Süddeutschen Zeitung« brachte im Mai 1989 den Stein ins Rollen. Schon wenig später entstand der erste Hörfilm. Heute ist Dosch Hörfilmbeauftragter beim »Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund«.

Bild: Ganz Auge und Ohr:
Elmar Dosch (li.) und Bernd Benecke (re.) sind ein eingespieltes Team


Wie ein Hörfilm entsteht
Vier Augen und sechs Ohren sind ein Team: zwei sehende und ein blinder Filmbeschreiber. Denn nur ein Filmbeschreiber, der selbst blind ist, kann beurteilen, was blinde oder sehbehinderte Menschen an Zusatzinformationen benötigen, um dem Film folgen zu können. Und nur wenn zwei sehende Zuschauer sich darüber verständigen, was zu sehen ist und worauf es ankommt, wird eine Filmbeschreibung gelingen. Filmbeschreiber übersetzen Bilder in Sprache. Das ist schwieriger als es klingt. Gefragt sind nicht Vermutungen oder Interpretationen, sondern konkrete Fakten. Eine Hörfilmbeschreibung sollte Namen und Handlungen nicht vorwegnehmen oder unnötig verkürzen. Personenbeschreibungen müssen sich auf das Wesentliche konzentrieren, dabei aber so stimmig und genau ausfallen, dass sie bei Serien auch das nächste und übernächste Mal noch zutreffen.
All dies wäre noch leicht, wenn Filmbeschreiber immer ausreichend Zeit hätten, um ihre »akustischen Untertitel« im Film zu platzieren. Das ist aber oft nicht der Fall, denn die Filmbeschreibung sollte nur in den Dialogpausen erfolgen. Die Dialoge, die Musik, die Atmosphäre und Geräuschkulisse des Films dürfen in der Audiodeskription nicht untergehen. Bei schnellen oder besonders komplizierten Szenen - in Action-Szenen oder wenn ein Film viele Schauplätze und Handlungsebenen hat - ist dies eine knifflige Präzisionsarbeit. Das gilt auch für den Anfang eines Films, wenn in kurzer Zeit Personen und Schauplätze eingeführt werden müssen, während gleichzeitig schon die Filmhandlung ihren Lauf nimmt.
Ob ein Hörfilm nach der Abmischung und dem Platzieren der Filmbeschreibung gelungen ist, entscheiden die blinden und sehbehinderten Zuschauer. Dass ein Film auch durch Filmbeschreibung nie zu 100 Prozent blinden und seh-behinderten Zuschauern vermittelt wird, ist Benecke und Dosch klar. »Aber jedes Prozent ist ein Prozent mehr.« Oder in Worten einer blinden Zuschauerin, die sich einmal bei Elmar Dosch bedankte: »Je besser die Filmbeschreibung, desto bunter der Film im Kopf.«

Text Claus Lochbihler
Foto Erol Gurian

Artikel aus »Menschen« 03/04

 :.. zum Anfang      :.. zurück  
1 2 3
4 5 6
7 8 9
  0 Hilfe zur Tastatursteuerung(?)
 
A 
A